Cannabis kann bei Rückenschmerzen, Schmerzen aller Art, helfen?! 

Cannabismedikamente, so sagen Patienten, haben schmerzlindernde und entzündungshemmende Eigenschaften, die bei verschiedenen Arten von Rückenschmerzen wirksam sein können.

Was sagt die Wissenschaft dazu?

Schon in 2006 gab es eine randomisierte kontrollierte Studie mit Nabilon zur Wirkung bei chronischen Schmerzzuständen (Nutzen einer Add-On-Therapie mit dem synthetischen Cannabinomimetikum Nabilone bei Patienten mit chronischen Schmerzzuständen – eine randomisierte kontrollierte Studie | Wiener klinische Wochenschrift).

In 2017 erschien eine Evidenzüberprüfung und Forschungsagenda (Therapeutische Wirkungen von Cannabis und Cannabinoiden – Die gesundheitlichen Auswirkungen von Cannabis und Cannabinoiden – NCBI Bookshelf) und in 2018 wurden die schmerzlindernden Eigenschaften von Cannabis anhand einer systematischen Überprüfung und Metaanalyse des Zusammenhangs zwischen der Verabreichung von Cannabinoid-Medikamenten und experimentellen Schmerzergebnissen in Studien mit gesunden Erwachsenen erneut geprüft. (Assoziation der Verabreichung von Cannabinoiden mit experimentellen Schmerzen bei gesunden Erwachsenen: Eine systematische Überprüfung und Metaanalyse – PubMed)

Auch in den Folgejahren wurden viele Studien zur Wirkung bei Cannabis als Mittel der Wahl bei chronischen Schmerzen veröffentlicht:

Medizinisches Cannabis zur Behandlung chronischer Schmerzen – StatPearls – NCBI Bücherregal, – Living Systematic Review on Cannabis and Other Plant-Based Treatments for Chronic Pain: 2023 Update – Surveillance Report 4 – Living Systematic Review on Cannabis and Other Plant-Based Treatments for Chronic Pain – NCBI Bookshelf, – Tetrahydrocannabinol and Cannabidiol for Pain Treatment—An Update on the Evidence, – Wahrnehmungen in der orthopädischen Chirurgie über die Verwendung von Cannabis bei der Behandlung von Schmerzen: eine Umfrage unter Patienten mit Wirbelsäulenschmerzen (POSIT Spine) – PubMed, – Cannabis bei chronischen Schmerzen: Kardiovaskuläre Sicherheit in einer landesweiten dänischen Studie – PubMed, wir könnten noch viele, viele weitere Studien benennen zu chronischen Schmerzen, macht aber keinen Sinn, denn sie geben unterschiedliche Ergebnisse wieder – mal positiv, mal negativ.

Die deutsche Schmerzgesellschaft schreibt dazu (Cannabis in der Schmerzbehandlung): „Bei Schmerzpatienten wird aufgrund der derzeitigen Studienlage zur Wirksamkeit, als auch der Ergebnisse der Begleiterhebung, zunächst die Anwendung eines oral wirksamen Cannabispräparats (Dronabinoltropfen, Nabiximols-Spray  oder ölige Vollextrakte) bevorzugt. Akute Effekte einer Inhalation werden vermieden, die Praktikabilität der oralen Einnahme ist im Alltag der Patienten ist in den meisten Fällen höher, Wirkdauer und Dosierung sind in der klinischen Erfahrung besser steuerbar.“

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin schreibt in der 2. Auflage der Cannabis in der Schmerzmedizin Praxisleitlinie:  „Es besteht zunehmende Einigkeit, Pati enten nach Ausschöpfung der Standardtherapien mit Cannabinoiden als Add-On-Therapie, – meist in Verbindung mit Opioiden – in diesen Indikationen zu versorgen. Die führenden Arbeiten gehen auf die Autoren Deshpande et.al. 2015, Whiting et.al. 2015 und Aggarwal 2009 zurück. Die meisten Studien und Metaanalysen sprechen von der Möglichkeit einer Schmerzreduktion auf eher mäßigem Signifikanzniveau.“ [Empfehlungsgrad A: Daten aus mehreren, randomisierten klinischen Studien oder Meta-Analysen] Wer nach weiteren Studien sucht, im Anhang der Praxisleitlinie findet sich ein großes Literaturverzeichnis.

Für eine fachübergreifende Verbesserung der Patientenversorgung mit medizinischen Cannabinoiden sollte hier die DGS-Schmerzinitiative Cannabinoide 2024/2025 sorgen. Eine Kooperationsvereinbarung dient dem Abbau bürokratischer Hindernisse, wozu unter anderem ein Vertrag mit der AOK Rheinland/Hamburg geschlossen wurde und bis 31.12.2024 gültig war. Wie es weitergeht, konnten wir leider nicht herausfinden.

Alles in allem scheint das Engagement für Cannabis als Medikament im Bereich Schmerz durch diverse Gesellschaften und Ärzte jedoch zu bestätigen, Menschen mit Schmerzen profitieren häufig von Cannabis. Besonders ältere Menschen scheinen mit dem Einsatz von cannabisbasierten Arzneimitteln den Opioid-Verbrauch reduzieren zu können. Schon mit niedrigen Dosen von medizinischem Cannabis lassen sich bedeutende Mengen Opioid einsparen. Ein Therapieversuch mit cannabisbasierten Arzneimitteln ist bei älteren Schmerzpatienten unter Opioiden aufgrund der synergistischen Wirkungen zwischen Endocannabinoid- und Endorphinsystem häufig sinnvoll. Hier wird die orale Gabe, aufgrund langsamer Anflutung und natürlich ein langsames Aufdosieren empfohlen.

Zusammenfassend kann man zur Verwendung von Cannabis als Medikament zur Linderung chronischer Schmerzen folgendes (und noch viel mehr) sagen:

 – die vielen unterschiedlichen Studien führen leider zu wenigen eindeutigen Bestätigungen,

 – in den Studien wurde aber gezeigt, dass andere Medikamente erfolgreich reduziert werden konnten,

 – viele Patienten bestätigen eine wahrgenommene Verbesserung ihres Leidens (besonders im Vergleich zu den Placebogruppen),

 – Patienten berichten hier, neben der Reduktion von anderen Schmerzmitteln, von einem veränderten Fokus (der Schmerz steht nicht mehr im Mittelpunkt), Entspannung, verbessertem Schlaf,

 – Mikrodosierungen, also geringe Dosierungen scheinen schon zur Reduzierung anderer Medikamente und zur Verbesserung der Lebensqualität beizutragen.

Trotz all dieser Erkenntnisse war/ist bisher kein Cannabis – Schmerzmittel zugelassen.

Mit der Zulassung als Fertigarzneimittel würde der Herstellungsschritt in der Apotheke wegfallen, Ärzte könnten es rechtssicher und unbürokratisch verordnen. Aus Patientensicht wäre ein Fertigarzneimittel daher ebenfalls ein großer Vorteil.

Nun kündigt das deutsche Biopharmaunternehmen Vertanical an, dass für die Indikation chronische Kreuzschmerzen  bereits Zulassungsanträge in Deutschland und in Österreich gestellt sind.

Erste Daten aus einer Phase-III-Studie mit 820 Patienten, die alle anderen Schmerzmedikamente absetzen mussten, damit eine Untersuchung als Einzeltherapie durchgeführt werden konnte, seien im Lancet zur Veröffentlichung eingereicht. In der Schmerzreduktion, Schlafqualität und der physischen Funktion seien die Ergebnisse positiv zu bewerten. Die Zulassung soll im Juli 2025 erfolgen, geplant ist Exilby als Handelsname des Extraktes. Bei erteilter Zulassung in Deutschland und Österreich soll eine europäische Zulassung über das Verfahren der gegenseitigen Anerkennung (Mutual Recognition Procedure) folgen. Diese erwartet das Unternehmen 2025/2026.

Sollte diese Zulassung erfolgreich sein, so wäre für Cannabis als Medikament ein großer Schritt getan.

Es wäre nicht nur die erste Zulassung zur Behandlung eines in der Bevölkerung weit verbreiteten Leidens: chronische Schmerzen, es wäre auch ein weiterer Schritt hin zu einer größeren Akzeptanz in der Bevölkerung durch einen Cannabis-Vollextrakt (seit 2019 schon als Rezepturausgangsstoff auf dem Markt). Dieser wäre nicht, wie die bisherigen Fertigarzneimittel nur für sehr spezielle Erkrankungen zugelassen, sondern könnte nach und nach ein akzeptables medikament sein für die Vielfalt der Schmerzerkrankungen, Rücken -, Kopf -, Nerven -, Tumor -, Gelenk -, Magen – und Darm -, somatoforme und Phantomschmerzen…

Hoffen wir, dass die Zulassung schnell erfolgt.